EIN MENSCHENBILD, DAS IN SEINER SUMME NULL ERGIBT
Junge Performer Mülheim
Das anhaltende gesellschaftliche Interesse, insbesondere bei Jugendlichen, an Casting-Shows, Reality- und Doku-Soaps war Ausgangspunkt des Theaterprojekts „Ein Menschenbild, das in seiner Summer null ergibt“ nach Schorsch Kamerun. Wir wollten mit einer Gruppe von Jugendlichen ergründen, was die Zuschauer, aber vor allem die Teilnehmer antreibt, sich freiwillig in Show-Formate zu begeben, die die alltäglich erlebte Konkurrenz und Selektion aus Schule, Uni und Beruf fortsetzen.
Ausgehend von Kameruns preisgekröntem Hörspiel beschäftigten sich zwei Theaterpädagogen und neun Jugendliche mit den Prozessen medialer Konstruktionen und deren beabsichtigten bzw. tatsächlichen Wirkungsweisen. Kameruns Hörspiel ist eine Collage aus individuellen Berichten und Gesprächen, die keine stringente Geschichte erzählt, sondern ein Bild des (post-)modernen, vereinzelten Menschen zeichnet. Neben der Arbeit mit und am Text hat die Gruppe die einschlägigen TV-Formate analysiert und diskutiert, eigenes Textmaterial entwickelt und Szenen improvisiert. Den Rahmen für den Theaterabend bildet eine fiktive und surreale Fernsehshow.
„Die Show“ bildet die Fernseh-Realität nicht eins zu eins ab, sondern ist eine kritische, bisweilen kafkaeske Überzeichnung der einschlägigen Formate. Trotz bzw. gerade wegen der offensichtlich willkürlichen Regeln der Show, konkurrieren die Teilnehmer in erster Linie um die Aufmerksamkeit der Kamera. Alle wollen jederzeit in den Fokus, suchen die volle Anteilnahme ohne Rücksicht auf etwaige Verluste. Die persönliche Fernsehpräsenz ist für sie ein Heilsversprechen, die Ökonomie des Öffentlichen total.
Alle Kandidaten der Show werden weniger als dreidimensionale Individuen in Szene gesetzt, sondern zu „Typen“ stilisiert: die Schauspielerin, der verkopfte Forschertyp, die Sportlerin, das Mama-Kind etc. Um die Manipulation von Bildern als auch von deren Wirkung herauszustellen, wird eine Live-Kamera benutzt. Die in der Show produzierten Bilder werden häufig anders eingesetzt als von den Teilnehmern erhofft. In einigen Szenen bilden sie eine Art kritischen Kommentar.
Nach ca. 30 Minuten wird ein Video eingespielt, in dem die jugendlichen Schauspieler in ihren Rollen auf dem Weihnachtsmarkt in Mülheim an der Ruhr Passanten nach ihren Fernsehgewohnheiten befragt haben.
Der abschließende Teil des Stücks markiert einen Bruch: Die Moderatorin, die bis dahin die Fäden in der Hand gehalten und den Abend gelenkt hat, wird abgesetzt. Die Kandidaten haben die Strukturen von Zurschaustellung und Demütigung derart verinnerlicht, dass sie diese selbstständig reproduzieren. Durch die neue Gruppendynamik wird die Show schließlich zerstört. Einige Figuren steigen aus und werden für einen Moment als Individuum sichtbar. In diesem dritten Teil wird bewusst auf jeglichen Medieneinsatz verzichtet.
Mit: Anita Dragaqina, Dalia El-Shaal, Dayra Beckord, Denis S. Meyer,
Elisa Hofstadt, Gesine Kallert, Jana Wagner, Jasmina Eichwald,
Mike Vojnar, Nina Oppermann
Kamera: Elena Ivanov
Regie: Anna Koch, Sebastian Brohn
Bühne: Moritz Pankok
Musik & Visuals: Werner Schmidgen, Max Walter
Dramaturgie: Matthias Frense, Bianca Janssen
Grafik: Monika Nemet, Jons Schüttler, Moritz Spilker
Aufzeichnung: Max Walter
Eine Kooperation von Ringlokschuppen und dem KiSs-Projekt des Autonomen Jugendkulturzentrums Mülheim.